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Von der Natur lernen kann vieles bedeuten. Sich der stetigen Veränderung hinzugeben, wie beispielsweise den Jahreszeiten. Das Tarnung eine effiziente Art ist am Leben zu bleiben, die Vermeidung von Veränderung jedoch auch selbiges kosten kann.

Eines Morgens genoss ich die ersten Sonnenstrahlen und sah auf einem Grünkohlblatt eine Raupe rumhängen. Uah, dachte ich im ersten Augenblick, eine Raupe auf meinem Grünkohl. Frechheit. Plötzlich schoss mir in den Kopf, wie sehr ich Schmetterlinge liebe. Und BÄM traf mich die Erkenntnis:

Wer Schmetterlinge liebt, muss Raupen mögen.

Ich kann nicht gleichzeitig Raupen doof finden und Schmetterlinge lieben. Ja klar, dazwischen liegen Welten, doch das eine gibt es nicht ohne das andere. Jetzt mal metaphorisch: Wenn ich zum bunten Schmetterling werden und mich entfalten will, muss ich durch den Raupenstatus. Abkürzung? Fehlanzeige.

Selbstverwirklichung = Entfaltung = Metamorphose

So ist das mit den Dingen, die „schon immer so laufen“ und die wir deshalb nicht wirklich mehr auf dem Schirm haben. In dem Moment wurde mir richtig bewusst, dass Entfaltung immer auch mit Metamorphose zu tun hat.

Dann sah ich mir das Gebamsel am schon ziemlich abgenagten Grünkohl näher an. Um nicht aufzufallen – schließlich könnte sie ja gefressen werden – tarnt sie sich, farblich kaum vom Grün der Pflanze zu unterscheiden. Täte sie das nicht, würde sie nie zum Schmetterling werden.

Wir passen uns ebenso unserer Umwelt an, um geliebt zu werden, anerkannt, nicht ausgestoßen. Fressfeinde haben wir zwar keine, doch ums Überleben geht es bei uns auch.

Umfeld macht Entwicklung

Schmetterlingseier werden nicht irgendwo abgelegt, sondern praktischer Weise unmittelbar auf der bevorzugten Fresspflanze. Schon klar, so ein Grünkohlfeld ist unsere Sache nicht, wir sind keine Falter. Wir werden meist einem Umfeld ausgesetzt, in dem wir genau das lernen können, was wir für unseren weiteren Weg brauchen.

Mag praktisch sein, ist leider oft sehr steinig. Wir wollen nicht immer unbedingt das, was wir bekommen, Doch wenn wir es so nehmen können, wie es nun einmal ist, machen wir genau die Erfahrungen, die wir später brauchen. Gerade aus Krisen lernen wir bekanntlich am meisten. Theoretisch klar, praktisch erhellt uns diese Erkenntnis allerdings erst sehr zeitverzögert.

Nochmal anders formuliert weil wichtig: Die Scheiße, durch die wir waten stinkt manchmal gewaltig. doch genau daraus kann später der Dünger für unser Schmetterlingsblumengarten werden. Diese Sichtweise vereinfacht das Leben ungemein, wenn sich uns die nächsten Irrungen und Wirrungen in den Weg stellen.

Aufnehmen, was da ist

Um bei den Schmetterlingen zu bleiben: diese kleinen schutzlosen Eier baumeln nun an irgendeinem Kohlblatt rum und fangen an zu fressen. Sie nehmen alles um sie herum auf, das liegt in ihrer Natur. So wie wir als Kinder alles aufsaugen, was wir fürs Leben lernen können.

Das sind Dinge wie laufen oder sprechen, genauso wie Eigenheiten, die wir uns bei den Großen abschauen und die wir später genauso machen (oder aus Protestgründen genau das Gegenteil davon). Ob wir Ordnung lieben oder kochen und wie wir das tun gehören auch dazu. 

Fördern unsere Eltern unsere Begabungen oder lenken sie uns in eine bestimmte Richtung? Wenn ja, rebellieren wir dagegen oder fügen wir uns. Eher letzteres, wenn du annähernd ähnlich tickst wie ich und ein liebes, folgsames Kind warst.

Diesen Hang zum „machen, was andere erwarten“ (oder zumindest die Annahme davon), schleppen wir unser ganzes Leben mit uns herum. Solange, bis wir erkennen, dass die Erwartungen der anderen a) oft ganz andere sind als wir uns vorstellen und b) eben die Erwartungen anderer sind und demzufolge nicht unsere Kanne Bier bzw. unser Kohlkopf.

Gutes tun – was sich auch gut anfühlt

Wir schauen erst einmal – wie sich das gehört – ob es den anderen gut geht. Ob wir etwas für sie tun, es ihnen schön oder leichter machen oder ihnen eine Freude machen können. Das ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir darüber gar nicht mehr nachdenken. Es ist zum Automatismus geworden.

Ich zum Beispiel hatte vor kurzem Besuch von einer Freundin, die ich nicht oft sehe, da sie im Ausland wohnt. Wir freuten uns schon sehr auf unser Zusammentreffen und besprachen immer mehr Punkte über die wir uns austauschen oder wo wir uns gegenseitig unterstützen wollten. Um nix zu vergessen begann ich einige Punkte auf einer Liste zu notieren.

Selbstverwirklichung heißt wissen, was du wirklich willst

Als sie dann da war und mir mitteilte, was sie gern tun wollte und wo wir unbedingt hin müssen (in Berlin ist schließlich immer etwas los) machten wir das (natürlich) auch. Ich mag es schließlich, wenn Menschen sich wohlfühlen. Die Punkte auf meiner Liste hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Am letzten Abend vor ihrer Abreise kam überraschender Weise die Anmerkung, dass wir ja nix von dem gemacht hätten, was ich in unseren Gesprächen zuvor angekündigt hatte und warum ich denn nix gesagt hätte.

Das war wie ein Schuss vorn Bug. Mir war das nicht mal aufgefallen, da musste ich erst einmal draufrumdenken. Und ein paar Tage später wurde mir (einmal mehr) mein Muster klar: Immer schön die Wünsche anderer erfüllen, dann bist du auf der sichern – weil liebenswerten – Seite. Eins meiner Themen, welches sich durch mein Leben zieht, ein Evergreen sozusagen.

Vielleicht kommt dir das ja bekannt vor… Wir sind die, die um Rat gefragt werden, die man um Hilfe bittet und die immer für andere da sind. Das mache ich auch wirklich gern und gehört einfach zu meinem Naturell. Die Kunst ist, für sich selbst ein gutes Maß zu finden. 

Kennst du auch die Rückmeldungen: Mit dir ist es immer so herrlich unkompliziert oder bei dir ist immer alles so entspannt? Klar, weil wir für Harmonie sorgen. Weil wir uns erst gut fühlen, wenn sich die Menschen um uns herum auch gut fühlen. Das ist im Grund auch nicht schlecht, ABER

wir dürfen nicht unsere eigenen Bedürfnisse vergessen.

Um die immense Vervielfachung ihres Geburtsgewichts zu erreichen, dürfen Raupen ein paar Mal so richtig „aus ihrer Haut fahren“. Das müssen sie sogar, weil diese nicht unbegrenzt dehnbar ist. Sollten wir Sensibelchen  uns einfach auch ab und an mal gönnen, damit wir nicht irgendwann platzen oder uns die Luft ausgeht. Wieder ein Punkt, den wir uns von der Natur abschauen können.

unsere Fressfeinde heißen Ängste

Wir sind nun mal nicht die Typen, die um jeden Preis auffallen müssen. Das kostet uns mehr Energie, als das es uns welche bringt. Heißt aber noch lange nicht, dass wir nicht besonders sein dürfen (auch wenn wir damit eventuell auffallen sollten). Wir können und dürfen und SOLLEN unsere Einzigartigkeit leben.

Was sind deine Ängste, die dich begleiten, wenn du an deine Einzigartigkeit, deine Größe denkst?

Was mir dabei gleich einfällt ist das Vergleichen. a la: die anderen sind schon viel weiter. 

Die meisten Raupen verbringen 3 bis 4 Wochen in diesem Stadium, doch es gibt auch Extreme, die sich nach 2 – 3 Tagen verpuppen oder erst nach 13 Jahren!  Das in Menschenjahre umgerechnet kreiert ein völlig anderes Gefühl von Zeit ?

Unsere Metarmophose

Sich den eigenen Ängsten hinzugeben und sich in die eigene Bestimmung reinzuentfalten ist wohl unsere Metamorphose. Wie die Raupe sich für ihre Verpuppung ein ruhiges Örtchen sucht, ziehen wir uns von der Außenwelt zurück, während wir uns wandeln.

Wir hören auf im Außen zu suchen, weil wir begriffen haben, dass die Antworten auf unsere Fragen bereits in uns schlummern.

Die Raupe muss loslassen, um zum Schmetterling zu werden.

Der Raupe dient diese Phase der Ruhe dem kompletten Umbau ihres Körpers. Enzyme beginnen damit, die Zellstruktur der Raupe aufzulösen. Gleichzeitig entstehen neue – noch imaginative – Zellen, die bis dahin nur die Informationen des zukünftigen Schmetterlings enthalten. Sie werden deshalb Imagozellen genannt. 

Von außen betrachtet ist eine Puppe ziemlich starr, im Inneren jedoch tobt ein Kampf auf Messers Schneide: alte gegen neue Zellen. Die Raupe will ihr Dasein nicht beenden und wehrt sich. Doch aus alt wird neu, irgendwann sind die Imagozellen in der Überzahl. Die Raupe gibt den Kampf auf und sich selbst dem Wandel hin.

Zellen, die nach Entfaltung streben

Imagozellen repräsentieren so etwas wie eine Zukunft, die schon in der Gegenwart enthalten ist und nach Entfaltung strebt. Je mehr das alte biologische System zerfällt, desto wirksamer und zahlreicher werden die Imagozellen.

In der Sprache der Medizin würde man von der Aktivierung des Immunsystems des Organismus sprechen, der etwas Körperfremdes zu bekämpfen versucht. Das Immunsystem bekämpft erst einmal das Neue und Fremde. 

Veränderungsprozesse in uns laufen nach einem ähnlichen Muster ab. Nachvollziehbar also, dass wir uns dieser gefühlten Auflösung von Bekanntem, Gewohntem, Eingeübtem nicht einfach kampflos hingeben wollen. Es ist so lange anstrengend, bis wir den Kampf auf und uns der Veränderung hingeben. 

Erst wenn wir uns hingeben, können wir uns entfalten.

Völlig natürlich also, dass die ersten Schritte einer Veränderung schwierig sind.  Das Alte gibt den Platz nicht kampflos an das Neue ab. Die Biologin Norie Huddle teilt in ihrem Buch „Zukunft entsteht aus Krise“ ihre erstaunlichen Beobachtungen:

Imagozellen schließen sich zusammen, verklumpen und tauschen von Zelle zu Zelle Informationen aus. Sie bilden regelrechte Netzwerke, die in der gleichen Frequenz schwingen, um sich daraufhin zu vernetzen.  Ab einem bestimmten Zeitpunkt formt sich ein langer Faden von verklumpten Imagozellen, um plötzlich zu begreifen, dass er etwas ist. Etwas anderes als die Raupe. Etwas Neues!

Die eigentliche Geburt des Schmetterlings!

Soweit so gut, der Umbau zum Schmetterling läuft auf Hochtouren. Jede Schmetterlingszelle übernimmt ab jetzt ihre eigene Aufgabe. Jede der neuen Zellen hat etwas zu tun, alle sind wichtig. Und jede Zelle beginnt das zu tun, wo es sie am meisten hinziehtUnd alle anderen Zellen unterstützen sie darin, genau das zu tun.

Nochmal zum Mitschreiben:

  • alle Zellen sind wichtig
  • jede tut, wofür sie bestimmt ist
  • alle helfen sich gegenseitig

Wenn das bei Schmetterlingszellen funktioniert, müssten wir das doch auch hinkriegen oder? Und ich rede jetzt nur von einem einzelnen Menschen, obwohl das sicherlich auf die Gesellschaft übertragbar ist. Darum können wir uns später kümmern, der erste Schritt beginnt bekanntlich vor der eigenen Türe.

Jeder von uns ist eine individuelle Komposition mit verschiedensten Facetten, die alle zusammen unseren ganz besonderen Schliff ausmachen. Wir sind hier, um unsere Einzigartigkeit zu entdecken und genau diese zum Wohle aller UND uns selbst einzusetzen.

Mach dich auf den Weg in deine Einzigartigkeit

Sich im Hintergrund zu halten, um im Stillen wachsen zu können und in Ruhe in sich hinzuhören ist völlig ok. Es ist sogar wichtig für uns, die wir uns zu sehr im Außen orientieren und es allen recht machen wollen.

Nimm dir die Momente des Rückzuges, die du brauchst, um deine innere Stimme wiederzufinden. Sie ist dein Führer zu dir selbst, wenn du dich im Getöse verloren hast.

Vertraue deiner inneren Weisheit und lasse los, denn „deine Imagozellen“ wissen ganz genau wozu du fähig bist und was dein ganz eigener Weg ist.

Gib dich deiner Entfaltung hin. Nimm dir die Zeit, die es eben dauert.

Befreie dich aus deiner zu eng gewordenen Schale. Lass deine Flügel trocknen.

Und dann flieg los.

Die Welt braucht deine leise Power ?

 

 

 

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Titelbild: Amira Meyer, Findhorn Community