Stell dir vor, du kommst auf eine Party.
Jemand fragt dich: „Was machst du so?"
Und du denkst: Gute Frage. Ernsthaft. Sehr gute Frage.
Du könntest sagen: Ich arbeite als Buchhalter. Stimmt. Aber das bist du nicht wirklich.
Du denkst eher an: Ich interessiere mich für Fotografie, Psychologie, nachhaltiges Bauen, Podcast-Produktion. Ich hab letzte Woche angefangen, Spanisch zu lernen und im Sommer mach ich einen Segelkurs.
Stimmt auch. Aber das klingt nach jemandem, der nicht weiß, was er will.
Letztendlich hörst du dich sagen: „Buchhalter." Du schmunzelst. Trinkst einen Schluck. Und denkst insgeheim: Das war jetzt ungefähr zehn Prozent der Wahrheit.
Willkommen im Leben eines Vielfalters.
Alle haben einen roten Faden. Du hast 30 lose Enden.
Egal ob Familienfeier, erstes Date oder Netzwerk-Event: diese eine Frage verfolgt dich überall. „Was machst du so?" Vier Wörter. Und du spürst jedes Mal, wie sich in deinem Bauch irgendetwas zusammenzieht.
Nicht weil du keine Antwort hättest. Sondern weil du zu viele hast.
Vielleicht kennst du auch diesen Moment auf LinkedIn. Du scrollst durch die Profile anderer und denkst: Die haben alle so einen klaren roten Faden. Zehn Jahre Marketingleiterin. Zwanzig Jahre Ingenieur. Und du? Dein Lebenslauf liest sich wie der von drei verschiedenen Menschen.
Das ist keine Planlosigkeit.
Das ist Neugier.
Puttylike: Der Name, der alles erklärt
2010 saß Emilie Wapnick in Kanada und suchte einen Namen für ihre neue Website. Eine Seite für Menschen wie sie, Menschen, die sich nie festlegen konnten, die von Thema zu Thema sprangen und dafür immer schief angeschaut wurden.
Sie tippte in einen Thesaurus das Wort für „anpassungsfähig, vielseitig, formbar" und fand: puttylike. Wie Knete. Dieses bunte, weiche Zeug, das sich dehnt, verändert, jede Form annimmt und trotzdem immer wieder zu sich selbst zurückfindet.
Puttylike. Kneteartig. Das trifft es eigentlich ganz gut, oder?
2015 hielt Wapnick einen TEDx-Talk in Bend, Oregon. Titel: „Why some of us don't have one true calling." Der Talk landete auf der Frontpage von TED.com, über viereinhalb Millionen Menschen haben ihn gesehen, und Millionen von Menschen haben zum ersten Mal gedacht: Das bin ich. Das ist ein Wort dafür. Ich bin nicht kaputt.
Den Begriff, den Wapnick mitbrachte: Multipotentialite. Ein Mensch, der nicht eine wahre Berufung hat wie ein Spezialist, sondern viele Interessen, viele Wege, viele Möglichkeiten gleichzeitig oder nacheinander verfolgt.
Im deutschsprachigen Raum hat das noch keinen wirklich guten Namen. Bis jetzt.
Was ist ein Vielfalter?
Ich nenne sie Vielfalter.
Nicht weil ich einen neuen Begriff brauchte, sondern weil das Wort einfach wie die Faust aufs Auge passt.
Ein Vielfalter ist jemand, der sich nicht in eine Form pressen lässt, der nicht eine Leidenschaft hat, sondern viele, der sich nicht festlegt, nicht weil er nicht weiß was er will, sondern weil er zu viel will und das auch vollkommen richtig ist.
Ein Vielfalter entfaltet sich in viele Richtungen. Nicht trotz seiner Vielfalt, sondern wegen ihr.
Das ist kein Defizit. Sondern eine Art sich zu entfalten.
Scanner, Multipotentialite, Generalist, Vielfalter: Wer ist was?
Jetzt wird's kurz theoretisch, aber bleib dabei, das ist wichtig.
Es gibt im deutschsprachigen Raum ein kleines Begriffe-Wirrwarr, und ich möchte das ein für alle Mal aufräumen, damit du weißt, wo du stehst.
Die Scanner-Persönlichkeit ist ein Begriff, den die amerikanische Autorin Barbara Sher geprägt hat. Jemand, der von Thema zu Thema scannt, eintaucht, alles lernt was es zu lernen gibt, und dann zum nächsten weiterzieht. Nicht aus Oberflächlichkeit, sondern weil die Neugier größer ist als der Drang, alles bis ins kleinste Detail im Alltag umzusetzen. Im deutschsprachigen Raum hat Anne Heintze diesen Begriff maßgeblich geprägt.
Der Multipotentialite nach Wapnick ist ähnlich, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Ein Multipotentialite verbindet seine Interessen aktiv miteinander. Er springt nicht nur von Thema zu Thema, er baut Brücken. Er sieht Verbindungen, wo andere Grenzen sehen. Und er versteht seine Vielfalt als sein Produkt, nicht als sein Problem.
Der Generalist ist breiter aufgestellt als ein Spezialist, aber das klingt nach Kompromiss. Nach „kann alles ein bisschen, aber nichts richtig." Das ist nicht gemeint, denn der Generalist deckt ein sehr breites Themengebiet ab, dass er bedienen kann.
Der Polymath: Leonardo da Vinci. Aristoteles. Hildegard von Bingen. Menschen, die in mehreren Feldern nicht nur interessiert, sondern wirklich exzellent waren. Der Begriff klingt großartig, ist aber ein bisschen verstaubt.
Und dann: der Vielfalter.
Der Vielfalter ist mein Begriff für den deutschsprachigen Raum, für Menschen, die sich in all diesen Beschreibungen irgendwie wiederfinden, die introvertiert oder kreativ oder hochsensibel sein können, die vielseitig interessiert sind, die einen ungeradlinigen Lebenslauf haben und dafür nicht mehr ständig um Entschuldigung bitten wollen.
Der Vielfalter ist kein Scanner und kein Multipotentialite und kein Generalist. Er ist das, was herauskommt, wenn du aufhörst, dich in fremde Schubladen zu quetschen, und anfängst, deine eigene zu bauen.
Warum ein Vielfalter nicht die eine wahre Berufung hat, und warum das gut so ist
Woher kommt eigentlich die Idee, dass jeder Mensch genau eine Berufung hat?
Sie kommt aus dem Mittelalter. In der mittelalterlichen Gesellschaft war es tatsächlich so, dass du das wurdest, was dein Vater war. Schmied. Bauer. Händler. Keine Frage, keine Wahl.
Die Industrialisierung hat das verfeinert: Ein Beruf, eine Fabrik, ein Leben. Das System hat Spezialisten gebraucht, weil Spezialisten effizient sind. Und unsere Bildungssysteme, unsere Lebensläufe, unsere Bewerbungsgespräche, sie alle bauen noch heute auf diesem Modell auf.
Aber die Welt hat sich verändert. Radikal.
Die Berufe, die in zwanzig Jahren existieren, sind heute noch nicht erfunden. Die Probleme, die gelöst werden müssen, ob Klimawandel, KI, gesellschaftlicher Zusammenhalt, brauchen keine Spezialisten. Sie brauchen Menschen, die Verbindungen sehen. Die querdenken. Die in einem Feld das anwenden, was sie in einem anderen gelernt haben.
Wapnick nennt das Idea Synthesis: die Fähigkeit, zwei scheinbar unverbundene Felder zu verknüpfen und daraus etwas Neues zu schaffen. Das ist eine Superpower. Keine Schwäche.
Vielfalter sind keine Quereinsteiger. Sie sind Brückenbauer.
Die drei Säulen: Was ein Vielfalter wirklich braucht
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Emilies Wapnicks Ansatz und allem, was vorher kam.
Sie hat nicht nur gesagt: „Hey, du bist ein Multipotentialite, das ist okay, leb dein bestes Leben." Sie hat ein System beschrieben. Drei Säulen, die alle drei stimmen müssen, damit ein Vielfalter wirklich aufblüht.
Ich hab sie mal in meine Sprache übersetzt.
Säule 1: Geld
Nicht als Ziel. Als Startschuss.
Finanzielle Stabilität ist nicht das, wofür du dich verbiegen sollst. Sie ist das, was dir den Rücken freihält, damit du den Rest tun kannst. Wer ständig dem Geld hinterherhetzt, hat nicht den Kopf frei für das, was ihn wirklich interessiert.
Für Vielfalter bedeutet das konkret: Mehrere Einkommensströme, von denen keiner die gesamte Energie frisst. Ein Kurs hier. Ein Auftrag da. Vielleicht ein passiver Baustein, der im Hintergrund läuft, während du an dem arbeitest, was dich wirklich interessiert.
Sinn ohne Geld wird romantisiert. Geld ohne Sinn wird unterschätzt. Beides stimmt. Und nur eins davon ist nur die halbe Miete.
Säule 2: Sinn
Das ist das Feld, in dem sich die meisten Vielfalter verlieren, weil sie denken, Sinn muss sich in einer einzigen Sache manifestieren.
Tut er nicht.
Sinn entsteht, wenn das, was du tust, zu dem passt, wer du bist. Wenn du morgens aufstehst und dich nicht verbiegen musst. Wenn deine Arbeit auf deine Persönlichkeit trifft, deine Stärken, deine Art zu denken.
Für Vielfalter ist das komplexer als für Spezialisten, weil die Antwort nicht lautet: „Ich bin Chirurg, also ist mein Sinn: heilen." Die Antwort lautet: „Ich bin jemand, der Verbindungen sieht, Menschen begleitet, Systeme denkt und gleichzeitig kreativ ist. Wie baue ich daraus ein Leben?"
Das ist die eigentliche Arbeit. Und ja, die ist es wert.
Wenn dich dieses Thema interessiert, kannst du hier tiefer einsteigen.
Säule 3: Abwechslung
Das ist die Säule, die gerade für Vielfalter entscheidend ist, aber oft vergessen wird.
Vielfalter brauchen Bewegung. Neues zu erkunden ist für sie weniger Abenteuer, sondern Leben ihres Elements. Sie tun, was sie am liebsten tun: Entdecken und neue Grenzen austesten.
Das kann bedeuten: alle paar Jahre eine neue Richtung einschlagen. Innerhalb einer Arbeit immer neue Projekte anstoßen. Oder einfach ein Leben gestalten, das Platz lässt für das nächste Interesse, das unweigerlich kommen wird.
Das ist kein Makel. Das ist Biologie.
4 Wege, wie Vielfalter ihr Leben bauen
Jetzt wird's praktisch. Wapnick hat in ihrem Buch „How to Be Everything" vier Modelle beschrieben, wie Multipotentialites ihr Berufsleben strukturieren können. Ich übersetze sie in die Vielfalter-Welt.
Modell 1: Die Vielfalt umarmen
Du fasst alle deine Interessen in einer einzigen Tätigkeit oder einem Unternehmen zusammen. Du trägst viele Hüte, aber unter einem Dach. Das kann ein Job sein, der dir das ermöglicht, oder ein eigenes Projekt, das du so baust, dass deine Vielfalt darin Platz hat.
Das ist das Modell, das ich selbst lebe: Coaching, Kurse, Schreiben, Trading alles unter dem Dach von susanschubert.de. Nicht weil ich mich nicht entscheiden konnte, sondern weil das die Form ist, die zu mir passt.
Modell 2: Der Schrägstrich
Coach/Podcasterin/Fotografin/Lehrerin/Heilpraktikerin/Autorin. Du machst mehrere Dinge gleichzeitig, aber getrennt. Verschiedene Einkommensströme, verschiedene Identitäten, klare Grenzen dazwischen.
Das Schöne daran: Du musst nicht alles in einen Topf werfen. Du kannst Malerin sein und gleichzeitig Buchhalterin, und beides darf nebeneinander existieren, ohne sich erklären zu müssen.
Modell 3: Sowohl als auch
Einstein arbeitete im Patentamt, bezahlte damit seine Rechnungen, und entwickelte nebenbei die Relativitätstheorie.
Das Modell: Ein stabiler Job, der Geld bringt und nicht all deine Energie frisst, und daneben lebst du deine eigentlichen Interessen aus. Ohne Druck, daraus Geld machen zu müssen. Das nimmt den Monetarisierungsdruck weg, und damit oft auch den Freudekiller.
Modell 4: Der Phönix
Du tauchst tief ein. Wirst Experte. Und dann, wenn du alles gegeben hast, alles gelernt hast, was es zu lernen gibt, lässt du los und fängst neu an. In einem anderen Feld, mit neuem Feuer.
Das klingt radikal. Aber viele Vielfalter kennen das: der Moment, in dem ein Thema plötzlich fertig ist. Nicht leer, aber vollständig. Und dann kommt das nächste.
Der Phönix brennt nicht aus. Er brennt um.
Was dich von Anne Heintze unterscheidet, und was der Unterschied zu mir ist
Anne Heintze ist im deutschsprachigen Raum eine der wichtigsten Stimmen zum Thema Scanner-Persönlichkeiten und Vielbegabung. Seit 1988 arbeitet sie als Therapeutin und Coach, hat mehrere Bücher veröffentlicht und die OpenMind Akademie gegründet. Ihr Buch „Auf viele Arten anders" ist das Standardwerk im DACH-Raum für Menschen, die sich in der Vielfalt ihrer Interessen verlieren.
Ihr Fokus liegt auf dem Verstehen und Annehmen. Wer bin ich? Was bedeutet es, so zu sein? Wie lerne ich, mich selbst zu mögen?
Das ist wichtig. Das ist notwendig. Das ist der erste Schritt.
Wapnicks Ansatz setzt einen Schritt später an: Okay, du weißt wer du bist. Jetzt bauen wir ein Leben daraus. Konkrete Modelle, konkrete Strukturen, konkreter Plan.
Und ich? Ich bin die deutschsprachige Brücke zwischen beidem.
Ich arbeite mit Menschen, die sich selbst schon ein bisschen kennen, die ahnen, dass sie Vielfalter sind, aber noch nicht wissen, wie sie das in ein Leben übersetzen, das funktioniert.
Die sich fragen:
- Wie verdiene ich damit Geld?
- Wie erkläre ich das meinem Umfeld?
- Wie höre ich auf, mich dafür zu entschuldigen?
Wapnick hat das System für den amerikanischen Markt gebaut. Ich baue es für den deutschsprachigen. Mit meiner Sprache, meinen Erfahrungen, meinem Wissen darüber, was hierzulande die besonderen Herausforderungen sind.
Und mit dem Begriff, der dazu passt.
Du hast nicht zu viele Interessen: Du bist ein Vielfalter.
Was wäre, wenn du dich nicht länger fragst, was mit dir nicht stimmt oder warum du so anders tickst, sondern: „Wer bist du, und wie baust du daraus ein Leben?"
Das ist eine andere Frage. Mit einer anderen Antwort.
Und die Antwort ist nicht eine Sache. Sie ist viele.
Du bist kein Spezialist. Du bist ein Vielfalter.
Und das ist mehr als genug.
Was jetzt?
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, dann willkommen. Du bist hier richtig.
Als nächsten Schritt empfehle ich dir: Mach den Vielfalter-Selbsttest und finde heraus, welcher Typ Vielfalter du bist. Denn ja, auch innerhalb der Vielfalter gibt es Unterschiede, und die machen einen Unterschied darin, welches der vier Modelle zu dir passt.
Und wenn du tiefer gehen willst: In meiner Entfalterpost schreibe ich regelmäßig über das Leben als Vielfalter, über Geld, Sinn, Abwechslung und alles, was dazwischen liegt.
Kein Spam. Kein Hype. Nur echte Gedanken für echte Menschen.
Dieser Artikel bezieht sich inhaltlich auf die Arbeit von Emilie Wapnick (Puttylike, „How to Be Everything", 2017) und Anne Heintze („Auf viele Arten anders", 2016). Beide haben Pionierarbeit geleistet, auf der meine eigene Arbeit aufbaut.
